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Andere Länder, andere Redensarten

Neben seiner bahnbrechenden Forschung über das deutsche Sprichwort, beschäftigte sich Pawlo Gurasijewitsch, der berühmte Sprachwissenschaftler estnischer Herkunft (Standardwerk »Ich und die Peristaltik«, Goldmann Verlag TB 123.456) auch mit den Redensarten anderer Völker. Wir möchten hier einige der interessantesten von ihnen vorstellen. Entnommen sind sie Gurasijewitschs letztem Buch, erschienen 1954, »Es fährt ein Zug nach Njewitschknost…« (Bastei-Lübbe).

Dem ist Not-Biskuit, Lech, schont Biskuit.

Ein polnisches Sprichwort, das zur Mäßigung mahnt. Man soll nicht alle Kekse auf einmal essen, schließlich ist es unbekannt, ob in der Zeit des Mangels nicht noch einer dringend gebraucht wird. Biskuits waren vor allem in der Zeit der zweiten Republik eine geschätzte Zwischenmahlzeit.

Was du auf morgen kannst verschieben, lasse besser heute liegen.

Das ist eine slowenische Redensart aus dem achtzehnten Jahrhundert. Hiermit soll aber keineswegs konnotiert werden, die Slowenen seien ein besonders müßiges Volk gewesen, keineswegs. Wie Gurasijewitsch herausfand, stammt das Sprichwort aus der Arbeitswelt der slowenischen Kürschner, die zu jener Zeit als die besten in Europa galten. Am 21. Februar 1712 so gegen 16 Uhr hatte der mariborische Kürschner-Meister Mohle Skéin den Terminkalender erfunden, natürlich in fein gegerbte Maulwurfshaut gebunden. Das Fells des Biestes mußte selbstverständlich abgeschabt (verschoben) werden, besonders gut gelang dies, wenn die Häute (Heute) länger in dem Gerbsud lagen.

Schuht Alt am Kwents Tanz, bet’ für Gott!

Dies deftige Wort stammt aus Schottland. Traditionsgemäß findet in der dritten Vollmondnacht nach Neujahr in Edinburgh der Kwents Tanz (Qwents danse) statt. Zugelassen sind hier nur die Clans McFeeble, McMuffin und McShewster. Ausgelassen wird die ganze Nacht gesungen, gefeiert und geschlemmt; zum Beispiel werden in siedend heißem Fett ausgebackene Kandisbarren verzehrt. Das Fest hat aber auch eine soziale Komponente. Alten Armen werden neue Schuhe geschenkt, damit sie am Tanz teilnehmen können. Aus diesem Brauch ist der obige Sinnspruch entstanden, der daran erinnern soll, zum Wohle der Seele auch stets an Minderbemittelte zu denken und sich Gott zu empfehlen.

Stangenbrot macht Wangen rot.

Jedes französische Kind kennt diese Redensart, wird es doch oft genug von seinen Eltern morgens mit jenen Worten auf den Weg zur Schule geschickt. Es soll mahnen, beharrlich und fleißig zu studieren. Ursprung des Sprichworts ist eine legendäre Begebenheit aus dem Elsaß. Im frühen Mittelalter, das genaue Jahr ist nicht überliefert, wurde einst die stolze Stadt Colmar vom sächsischem Stamm der Wangen belagert. Nach mehreren Monaten Belagerung war Colmar fast ausgehungert, aber auch die Anführer der Wangen fürchteten, nicht mehr lange durchhalten zu können und schlugen den Einwohnern von Colmar einen Wettstreit in Rätseln vor, der über Abzug der feindlichen Truppen oder Übergabe der Stadt entscheiden sollte. Kurzum, die Colmarer stimmten zu und schickten ihren gebildesten Bürger, Meister Louis Stangenbrot, vor die Tore, am Rätselraten teilzunehmen. Er konnte alle drei Fragen der Wangen in Windeseile beantworten, während deren Kontestant scheiterte. Wütend vor Zorn und rot im Gesicht zogen die Wangen unerreichter Dinge ab.

Was du nicht willst, was man dir tu, das füg’ auch keinem Anderen zu.

Dieses sehr bekannte Sprichwort stammt streng genommen aus dem deutschsprachigen Raum, allerdings aus der reichsfreien Stadt Königsberg, und hatte ursprünglich eine etwas speziellere Bedeutung als im heute gebräuchlichen Sinne. Professor Gurasijewitsch erklärt es folgendermaßen: Im Königsberg der frühen Neuzeit gab es nach einer schlechten Ernte Versorgungsprobleme und nur noch zwei Gerichte, die gekocht werden konnten, einmal die berühmten Klopse und zum zweiten eine dünne Griespampe, das sogenannte »Andere«. Aufgrund der von der Lebensmittelkrise verursachten Knappheit an Kapern (im Königsberger Dialekt »Mandir« genannt, von estnisch ;bondúr für Salzapfel) konnten nicht alle Gerichte damit gewürzt werden. Eigentlich bedeutet dieses Sprichwort also: Wenn du nicht willst, dass ich Kapern zu den Klopsen esse, dann streue sie auch nicht in deine Griespampe. Immanuel Kant basierte später seinen kategorischen Imperativ auf dieses weise Wort.

Ist die Pizza erst in den Dreck gefallen, braucht man gar nicht mehr nach Neapel fahren.

Eine italienische Redensart aus der Po-Ebene, die eigentlich keiner weiteren Erläuterung mehr bedarf.

(Teil 1: »Sprichwörter – Ihre Bedeutung und ihre Herkunft«)

16. Januar 2008

Kommentare

Anders Dølsson 17. Januar 2008

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich möchte Ihnen für Ihren sehr interessanten Literaturhinweis herzlich danken, mir gleichzeitig aber erlauben, den Herrn Professor Gurasijewitsch an einer Stelle zu korrigieren: das von ihm zitierte geflügelte Wort “Stangenbrot macht Wangen rot” ist nicht das Original, sondern nur eine Verballhornung des viel älteren dänischen “Knågbrod makeld Wangerooge.” – ein Ausspruch, der sich darauf bezieht, daß nach dem dreimonatigen Heringskrieg zwischen dem Königreich Dänemark und der Grafschaft Oldenburg, zu welcher die Insel Wangerooge damals gehörte, eine Hungersnot die Oldenburger zu Friedensverhandlungen zwang und man sich auf dänischer Seite Hoffnungen machte, die Insel in Ausnutzung der mißlichen Lage des Feindes im Austausch gegen mehrere Schiffsladungen Knäckebrot einzutauschen (“makeln”).
Hochachtungsvoll,
Ihr Dr. Anders Dølsson

Klaus Gurasijetiwitsch 26. Januar 2008

Erstaunlich, wie viele Redensarten mit Speisen zu tun haben, d.h. in diesem Falle Knäckebrot. Das hat schon meinen Vater sehr interessiert. Kein Wunder, war er doch über einen Zentner schwer und oft sahnig. Vielen Dank an Dr. Dingsbums für seinen Beitrag.

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