Ligne Claire

Michael Ballack, ein Mathegenie und ich

In dieser Jahreszeit, wenn die Blätter fallen und man schon mal daran denkt, so langsam wieder die Phil Spector-Weihnachtsplatte rauszusuchen, weil einem plötzlich einer seiner Songs im Ohr hängt, dann neigt man vielleicht besonders zur Nostalgie, diesem widerlichen Gefühl das uns weismachen will, früher sei alles besser gewesen. Dann kommt man zum Beispiel auf den blöden Gedanken, dass die Sommer früher einfach sommerlicher waren. »Wir erinnern uns noch gern daran, als die Bösen noch böse waren. Man brauchte nur auf die andere Seite zu gehen, damit man zu den Guten kam«, singen die Aeronauten.

Michael Ballack war damals gerade sechs oder sieben Jahre alt. Ich war jedenfalls höchstens acht oder neun. Es war die Zeit, als der HSV Europa regierte. Sparwasser war genau wie die Erfolge Gladbachs bereits Geschichte und Borussia Dortmund beschäftigte fusselbärtige Blässlinge in »Uhu«-Trikots. Kleine Jungs in Westdeutschland trugen Bundeswehr-Parkas. Alle. Vor einem Besuch in Frankreich trennten meine Eltern das schwarzrotgoldene Bundeswehrwappen vom Ärmel ab. Denn so ein Abzeichen sahen die Franzosen nicht gern bei einem Besuch auf dem Soldatenfriedhof. Die Dame der Gastfamilie hatte sich seit dem Krieg geweigert, auch nur ein Wort Deutsch zu sprechen, obwohl sie die Sprache perfekt beherrschte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Irgendwann zu dieser Zeit war ich mit meiner Familie also zu Besuch in der DDR, bei Bekannten meiner Eltern. Wie dieser Kontakt zustande kam, weiss ich nicht genau. Jedenfalls hatten diese Bekannten zuvor fleissig Erzgebirgspyramiden und dazu passende giftgrüne Weihrauchkegel geschickt, wie DDR-Familien das eben so machten. Und wie West-Familien das eben so machten, schickten wir regelmäßig Pakete mit Kaffee und Konservendosen gen Osten. Die Geschenke durfte man nicht in Zeitungspapier einwickeln. Das war streng verboten. Denn in den Zeitungen, die die meisten Westdeutschen lasen, wurde die DDR stets in Anführungszeichen gesetzt.

Es war alles genau so, wie man sich einen Besuch in der DDR vorstellt. Zöllner, die nicht »Guten Tag« sagten, sondern »Köfferrööm ööfmachnzackzack« bellten. Ich habe mich schon oft gefragt, was wohl geschehen wäre, wenn ein »Westbürger«, vielleicht sogar ein »Werktätiger«, bei der Einreise in die DDR dieses Land in höchsten Tönen gelobt hätte. Den hätten sie dafür wahrscheinlich umgehend eingesperrt. So kleingeistig und bescheuert wie die braunen Filzpantoffeln von Hans Modrow. Oder Kohl und Strauß. Oder die »Springer«-Presse.

Mich wunderte auf der Fahrt durch die DDR vor allem, dass dort seltsame Plakatwände an den Straßen standen: Fünfjahrespläne, Marx-Zitate und Freundschaftsbekundungen für das sowjetische Brudervolk, wie ich viel später lernte. Lächerlich naiv, wenn man diese Staatsreklame mit dem vergleicht, was heute den ganzen Tag unser letztes bisschen Verstand penetriert.

Im Westen wohnten und wohnen viele Leute ja in so genannten »Einfamilienhäusern«. Für deren Bau bekam man vom Staat Geld. Um denen im Osten zu zeigen, wie doll man im Westen lebt. Heute, wo es die DDR nicht mehr gibt, muss der Westen es niemandem mehr zeigen. Und darum hat man beschlossen, dass die Leute ihren Zahnersatz nun selbst bezahlen müssen.

Deutschland ist heute ein Land, das muss gesagt werden, in dem die Menschen gerne Geld sparen. Haben ja nichts zu verschenken. Beim Kauf von Unterhaltungselektronik sparen sie heute z.B. das Geld, das sie früher für Dinge ausgegeben haben, die ihnen längst gehörten. Für die Telekom etwa, von der sie »Volksaktien« kauften. Die Menschen haben sich gefreut. Die Politiker und die Vorstandsetagen haben sich schlapp gelacht. Alles war gut. So sind sie, die Deutschen.

Die Bekannten meiner Eltern lebten damals jedenfalls nicht in einem »Einfamilienhaus«, sondern in einer Wohnung in einer Plattenbausiedlung. DDR-Provinz, Salvador-Allende-Straße. Gab es wahrscheinlich in jeder Stadt. Geizig waren sie nicht. Sie teilten alles gern.

Auf einer Wiese hinter den Plattenbauten spielten einige Jungs Fußball, zwischen Trabant-Autos und Wäschestangen. Einer fiel mir sofort auf, als wir die Koffer ins Haus trugen. Er war brillant am Ball, stach heraus, weil er trotz seines jungen Alters den älteren Jungs haushoch überlegen war. Ich hätte auch gern so gut mit dem Ball umgehen können.

Faule Tricks und Treterei hatte er nicht nötig. Auch an seine glockenhelle Stimme kann ich mich noch erinnern. Vielleicht hatte ein Funktionär des DDR-Fußballverbandes schon sein Talent erkannt und ein Auge auf ihn geworfen. Dort wo ich herkam, konnte niemand so gut Fußball spielen wie die Jungs dort.

Unsere Gastgeber waren nette Leute, die sich alle Mühe gaben, es den Gästen aus dem Westen schön zu machen. Sie sprachen nicht gern über die DDR. Lieber zeigten sie uns die Wartburg und das schickste Restaurant der Stadt, an das ich mich glücklicherweise nur noch dunkel erinnere. In der Straßenbahn starrten uns die Menschen an.

Der Sohn hatte, aus Mangel an Zimmern in der engen Plattenbauwohnung, einen Bereich hinter der Wohnzimmer-Schrankwand, die sie ein Stück von der Wand gerückt hatten. Er war etwas älter als ich und sah aus wie Matthias Rust. Getönte Brillengläser. Im Westen hätte er Einkaufszettel mit dem C64 verwaltet. In der DDR bekam er in der Schule Probleme, weil er »Blue Jeans« trug, die er aus dem Westen erhalten hatte. Die Lehrer wollten keine Jeans in der Schule und die Mitschüler waren neidisch. So erzählten die Eltern.

Heute ist er ein Star-Mathematiker in den USA, habe ich erfahren. Irgendwo an einem College an der Ostküste. Ich stelle mir vor, wie er in der MIT-Mensa immer Noam Chomsky den letzten Wackelpudding wegschnappt.

Die Eltern des Mathematikers sind Ende der 80er auf die Straße gegangen, damit ihr Sohn mal ein Zahlengenie in den USA werden kann. Vielleicht sind die Eltern der Fußballspieler auch auf die Straße gegangen, damit ihre Söhne mal Stars in Proficlubs werden können. Meine Eltern sind nicht auf die Straße gegangen. Aber ich wollte ja auch kein Star werden.

Als Michael Ballack erwachsen war, gab es die DDR längst nicht mehr. Ich weiss nicht, was er in den Jahren vorher gemacht hat. Er wird wohl zur Schule gegangen sein und Fußball gespielt haben, bis er zu einem der besten Spieler Deutschlands wurde. Schon lange war es selbstverständlich, dass Fußballer aus dem Osten zu Vereinen im Westen gingen. Michael Ballack ging zum 1. FC Kaiserslautern, von dort nach Leverkusen und schließlich zu Bayern München. Vor einiger Zeit hat er ein Angebot des FC Barcelona abgelehnt, wurde gemeldet. Ich habe den Eindruck, dass der Wechsel zu Bayern München ihn nicht unbedingt sympathischer gemacht hat. Wie so viele andere vor ihm. Aber das weiss ich nicht, denn ich kenne ihn ja nicht.

Genau genommen habe ich ihn sogar nie getroffen. Ich habe Michael Ballack nur einmal aus der Ferne gesehen, als er im Westfalenstadion spielte, und er hat mich nicht gesehen. Aber es hätte so sein können, damals in der Salvador-Allende-Straße, zu Beginn der 80erjahre.

Ich war noch einmal in der DDR. Im Sommer 1989, kurz vor der Wende. Bei der Rückreise stand am Grenzübergang ein ungeschlachter Heranwachsender in einem grauen Trainingsanzug und drohte wütend mit erhobener Faust dem Reisebus aus dem Westen.

Es könnte gut sein, dass das Carsten Jancker war.

29. Oktober 2004

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