Als Deutscher auf Reisen
Teil 2: Zur Wahl des Urlaubszieles (von Patrick Gurris)

Am schlimmsten ist das schlechte Gewissen. Man kann ja nirgends hinfahren! Na ja, ich hab ja nichts gemacht (es sei denn in einer früheren Inkarnation als Sturmbannführer) und mein Opa war beim Volkssturm. Zwei Wochen vor Kriegsende ist er mit einer Mistgabel bewaffnet dem Ami entgegengeschlurft, wurde gefangen genommen, als irrelevant aussortiert, und ist schließlich mit einem Fahrrad wieder heim geradelt.
Aber trotzdem. Das Blöde ist ja, daß die Wehrmacht so verdammt erfolgreich war. Man muß schon verdammt weit weg, um ein Land zu erreichen, das nicht überrollt wurde. Ich meine, sogar Italien… Die haben ja clevererweise den Spieß umgedreht, kurz vor Kriegsende, damit man da auch ein schlechtes Gewissen hat, wenn man da hinfährt. Die Franzosen waren alle Widerstandskämpfer, nach Spanien geht nicht wegen Guernica. Es ist verhext. Selbst Uruguay hat noch am 23.2.1945 Deutschland dem Krieg erklärt und ist sicherlich voller traumatisierter, ehemaliger Frontkämpfer. Guten Gewissens geht es eigentlich nur noch nach Thailand oder so. Da kann man wenigstens noch aktiv am schlechten Ruf des Heimatlandes mitwirken. (Na gut, das kann man überall, aber es ist eben ein neuerer, frischer schlechter Ruf, nicht dieser olle langweilige Nazikram).
Ist allerdings erst mal die Wahl des Fernzieles gefallen, kommt der nächste Schock. Kerosin ist nicht besteuert! Oh nein. Wieso nicht? Ganz klar: Damit man ein schlechtes Gewissen kriegt. Neulich habe ich ökologisch beflissenen Freunden voller Stolz offenbart, daß ich nun nach tagelangen Recherchen im Internet endlich einen preisgünstigen Flug nach Spanien gefunden hatte. Zwei Cents hin und für den Rückflug bezahlt easy-jet mir den Zahnersatz bis 2007. (Ich meine, wie der große Mediamagus predigt: Ich bin doch nicht blöd!)
Die Stimmung der kleinen Dinnerparty indes fiel auf minus 13 Grad. Hätte ich jovial erwähnt, daß in der Lasagne obdachlose russische Waisenkinder verwurstet wurden (nur 0,19 das Kilo), dürfte die Reaktion nicht frostiger ausgefallen sein. Errötenden Hauptes betete ich mein Glaubensbekenntnis und mildernde Umstände herab, um wieder ihre gute Gunst zu erlangen: Ich habe keinen Führerschein und fahre deshalb selten Auto, spüle auf dem Klo einmal am Tag ab (meistens), die Wohnung wird nur beheizt, wenn der Eisbär im Wintergarten seine Pantoffel sucht, und durch eine patentierte Spiegelkonstruktion verwenden wir im Haus lediglich eine Glühbirne (der Computer auf dem ich dies schreibe wird im übrigen durch meine körpereigene Methangasproduktion, aufgrund einer fast ausschließlichen Hülsenfruchtdiät, betrieben). So ganz wollten sie mir trotzdem nicht wieder gut sein.
Immerhin habe ich dann erfahren, daß es anscheinend eine Art (Ablaßhandel im Internet) gibt. Wer sich verbindlich verpflichtet, 43 Jahre auf Warmwasser zu verzichten, darf mit Segen dieses Handels einmal bis Palma fliegen, vorausgesetzt er schwimmt zurück und pflanzt 30 Hektar Zypressen auf Lanzarote.
Warum ich reise
Irgendwie scheine ich etwas vom Thema abgewichen. Also, als Deutscher auf Reisen zu sein, ist eines der schwierigsten und nervenaufreibendsten Dinge, die als Mensch zu betreiben sind. Irgendwie schaffe ich es nie, den Mut aufzubringen, dem mürrischen Kellner Yannis in der Strandtaverne »Zorba« zu verklickern, daß ohne meine mühevolle Fahrt (siehe Teil 1), meinen immensen Appetit und nicht auszulotende Hemmschwelle, selbst die öligsten und versalzensten Speisen zu verzehren, er in Bochum hätte am Fließband stehen müssen und jetzt arbeitslos wäre. Ich bringe es nicht übers Herz. Ob er wohl die Qualen meines Gewissens verstehen kann, die mich dazu zwingen, tagsüber in der abgedunkelten Pension bei der Lektüre zweifelhafter Bastei-Lübbe-Historienschmöker zu verharren und mich abends mit Anisschnaps besinnungslos zu besaufen? Wird er je erkennen, daß meine widerwärtigen Anstalten, Sirtaki zu tanzen, nur der verzweifelte Versuch sind, der Verbrechen der Väter Abbitte zu leisten, indem ich den Nachkommen der Opfer Gelegenheit biete, sich über mich tot zu lachen?
Warum sonst sollte ich wohl meine empfindliche Haut den gnadenlosen Strahlen der mediterranen Sonne aussetzen, und mich mit den übelriechendsten und klebrigsten und bedenklichsten Produkten der Chemieindustrie (Sonnencreme) einkleistern, wenn nicht aus Buße und aus Reue angesichts der Schuld meiner Ahnen? (Ich spreche hier metaphorisch. Wie oben angemerkt, ist meine eigene Familie vollkommen schuldlos, und ich selbst wäre, da bin ich mir hundertprozentig sicher, Widerstandskämpfer geworden. Meine Güte, ich hab sogar dieselbe Frisur wie Sophie Scholl!!!) Zuhause bleiben ist also keine Alternative. Es wäre Feigheit vor dem Sich-Lächerlichmachen.
Nein, ich tue mein Bestes, um die Angst unserer europäischen Nachbarn vor einem erneuerten Ansturm germanisch-seelenloser Killermaschinen in ihre pittoresken, wunderschönen, kultivierten, klimatisch angenehmen Landstriche zu zerstreuen. Was ich für die meisten anderen Pauschaltouristen allerdings nicht behaupten kann.
Lesen Sie im vierten Teil »Weltbürgertum am Abgrund« von den unbeschreiblichen Erlebnissen im Duty-Free-Shop von Kuala Lumpur.
14. März 2005
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