Der Gnom an den Toren der Morgendämmerung
Der lange Weg zu D-Dur und die Revolution der Pop-Ikonographie
Soeben erschienen ist Raoulff Brocksons neues Meisterwerk, das wir hier in Auszügen vorstellen möchten:
Verlag: Heidegger-Holly-Verlag, Freiburg & Austin, Texas
Broschiert: 544 Seiten
zahlreiche Abbildungen, tlws. in Polychrome
Mit einem Vorwort von Peter Sloterdijk
und einem Nachwort von Klaus Meine
ISBN 05081967
44,95 Euro
Im Wesentlichen untersucht Raoulff Brocksons wortgewaltige und geistreiche Analyse die ersten 5 Sekunden des Liedes ›The Gnome‹ von Pink Floyd mit seiner bahnbrechenden Handhabe des D-Dur-Akkords und die Konsequenzen für Kunst, Politik, Philosophie und Wirtschaft, die sich im Nachhall damals für nahezu die gesamte Welt ergaben. In einem Epilog diskutiert Brockson auf 122 Seiten auch noch kurz den zweiten Akkord (A-Dur). Hier wird sicherlich noch ein Anschluß-Band folgen.
Wer in den Abgrund hineinblickt
(Seite 77): »Anfang Februar hatte sich Syd von Roger in das kleine Landhäuschen seiner Tante Meg in Oxfordshire bringen lassen, um in Ruhe am ersten Akkord von ›The Gnome‹ zu arbeiten. Rogers alter Morris war vollgepackt mit Gemüsebrühe, zwei Dutzend Gläsern Marmite, Earl-Grey-Tee, Syds Sammlung antiker Nagelscheren und selbstverständlich seinen beiden Gitarren, die er liebevoll ›Eccles‹ und ›Bluebottle‹ nannte. Roger wollte natürlich unbedingt da bleiben, aber Syd schmiß ihn raus. ›Wenn ich morgens deine Nase sehe, erschrecke ich mich immer so furchtbar‹, sagte er und brachte ihn zur Tür. Das war einer von Syds typischen Witzen, er stand nie vor 13 Uhr auf und meistens öffnete er erst zwei Stunden später die Augen. Roger war sauer, aber das brachte Syd erst in die richtige Stimmung. Die furchtbaren Konsequenzen dieses Affronts sollten Syd erst später bewußt werden.
Tante Megs Cottage war der ideale Ort zum Komponieren. Es gab keinen Telephonanschluss, keinen Kühlschrank, im Garten blühten die ersten Narzissen und Tante Megs Mann Earnest hatte im ehemaligen Schweinekoben eine stattliche Bibliothek esoterischer Reiseführer eingerichtet, die bei dem Schreiben des Gnome-Songs noch eine große Rolle spielen sollten.
Lange Zeit hatte Syd mit dem Gedanken gespielt, das Lied mit E-Dur zu beginnen. Inspiriert hatte ihn dazu Nietzsches 146. Aphorismus in ›Jenseits von Gut und Böse‹, das deutliche E-Dur-Anklänge aufwies, aber auch der Ryhtmus der heimischen Kohl-Schipper in Marlybone-on-Tweed, denen der kleine Syd oft heimlich beim Schaufeln zugehört hatte. Genau dieses ›Feeling‹ wollte er transportieren, war sich aber der kulturellen Konnotationen dann doch nicht ganz sicher. Zwei Monate probierte er nahezu rund um die Uhr verschiedene E-Varianten aus und mußte, nah am Nervenzusammenbruch, schließlich kurz vor Weihnachten dann sein Scheitern eingestehen. Bei einer Weihnachtsfeier von George Martin in den Abbey-Road-Studios klärte ihn schließlich Jimmy Page darüber auf, dass er einer fehlerhaften Übersetzung des Nietzsche-Aphorismus aufgesessen war. Es hieß nicht ›Abyss‹ sondern ›Abysm‹; ganz andere als die von Syd angenommen biblischen Anklänge kamen hier zutrage. E-Dur, der hebräische Akkord, konnte nicht passen.«
Wer ist der Schönste im ganzen Land
(Seite 198): »Jetzt, drei Wochen nachdem er wieder in London war, wurde Syd klar, dass es auch an den Lyrics lag, über die er sich sträflicherweise so lange keine Gedanken gemacht hatte. Geschrieben an einem feucht-fröhlichen Novemberabend im ›Ten-Bells-Pub‹ im East-End, lautete der Text der ersten Strophe ursprünglich: ›I’d like to tell you a joke, about an ugly man, now if I can, a fart called Roger Waters, Black-Riding-Hood, a nose like wood.‹ Die Anklänge an Jack the Ripper und an die Gebrüder Grimm waren überdeutlich, aber auch Syds seit einiger Zeit schwelende Antipathie gegenüber dem Bassisten Roger Waters. Syd wußte, mit diesen schlechten ›Vibes‹ im kollektiven Unterbewußtsein der Band konnte der Song nur zweitklassig werden, er mußte seine persönlichen Gefühle hintanstellen, wollte er die gerade aufkeimende Karriere nicht gefährden. Diese Verdrängung, nur eines guten Songanfangs willen, sollte sich später psychisch noch einmal an ihm rächen. Nichts davon ahnend, schrieb er den Songtext um.
Die Schicksalswende geschah dann eines abends als er zum wiederholten Male die Brihadaranyaka-Upanishaden las. (…) Syd rieb mit einem feuchten Tuch den Kakoa vom Notenblatt und starrte Rick geistesabwesend an. ›Was ist los, Syd?‹ stammelte der ängstlich. ›War nicht genug Hasch im Kakao?‹ Doch Syd schüttelte nur dämonisch grinsend den Kopf. Unter dem weggeriebenen Kakao-Fleck trat der ursprüngliche Textanfang ›I’d…‹ anstatt des neuen ›I want…‹ hervor. ›Probieren wir’s mit D!‹ rief Syd. Rick wurde bleich. Syd mußte wahnsinnig geworden sein. Ein Songanfang auf D-Dur! Waren sie jetzt Bob Dylan oder was?«
Gefangene ihrer Zeit
(Seite 320): »Roger schmiß seinen Bass wütend in die Ecke. ›Das kommt davon, wenn man es mit Stalins Lieblingsakkord versucht‹, schrie er außer sich. Syd war entsetzt. Er hatte gehofft, dass die anderen, und insbesondere Roger, nicht drauf kommen würden. Aber jetzt war die kommunistische Katze sozusagen aus dem Sack. Endlose Diskussionen würden folgen, das wußte er. Stalins Leib-und Magen-Musical ›Die Wolga-Fischer‹ begannen auf D-Dur, und auch in der ›Internationalen‹ kam der Ton mehr als einmal vor. Durfte sich eine aufgeklärte britische Pop-Band dieses Klanges bedienen? Zusammen mit dem Sujet des Gnomes, der ›wining, dining, biding his time‹ betreibt, war dies ein aufrührerisches, ein ketzerisches Unterfangen. Waters bezweifelte zurecht, ob das Publikum tatsächlich die inhärente Ironie heraushören könnte. Wenn nicht, waren brennende Straßen, Hinrichtungen von staatstragenden Persönlichkeiten, Inzest und Anarchie noch die mildesten Konsequenzen. Dieses Risiko wollte zumindest Roger nicht eingehen. Aber Syd blieb hart. Sechs Monate hatte er an dem ersten Akkord gearbeitet, getüffelt und hatte seinen Abstieg in den Abgrund seiner Seele beinahe mit dem Leben bezahlt. Der ganze Kosmos schrie nach D-Dur und er, Syd Barrett, würde den Song damit beginnen, oder nie wieder einen Ton schreiben. Glücklicherweise war er nicht allein auf weiter kultureller Flur. Jean-Paul Sartre hatte ihm in zahlreichen Briefen die Unterstützung für D-Dur zugesagt und versichert, im Notfall mit einem französischem Cover von ›Le gnome‹ den Grand-Prix 1967 zu gewinnen, die Stimmen der Benelux-Staaten waren dem Existenzialisten sicher. Da Nick Mason egal war, mit welchem Akkord das Lied begann, und Rick eh immer für Syd stimmte, konnte sich Syd endlich gegen Roger durchsetzen. Dessen Rache aber sollte schrecklich ausfallen.
Das Ende der Unschuld
(Seite 400) »Nacht war schon über Harvard gefallen, aber in Henry Kissingers Büro brannte noch Licht. Als Leiter des Harvard Defense Studies Program hatte der Workaholic schon manche Krise durchlebt, aber diese Neuigkeiten, soeben von einer geheimen CIA-Quelle bei Columbia Records aus London verschlüsselt durchgegeben, ließen selbst dieses alte Kriegspferd erschaudern. ›Und Sie sind sich sicher, es ist D-Dur und nicht D-Moll oder A-7‹, blaffte Kissinger seinen Sekretär an. Doch es gab keinen Zweifel. Agent Waters hatte versagt. Der Präsident mußte sofort informiert werden, vielleicht konnte er bei der Queen intervenieren oder, falls das Lied je fertig werden würde – denn noch stand ja nur der erste Akkord -, das Airplay auf BBC 1 einschränken. Der nahe Osten saß auf einem Pulverfaß, nicht auszudenken, dass ein Lied, das mit D-Dur begann, mit einem dreisten D, wahrscheinlich sogar gefolgt von A, in die Charts käme. Denn D war in den Koran-Schulen von Pakistan bis Kairo gleichgesezt worden mit dem ›Schweine-Akkord‹, vom Propheten zwar nicht ausdrücklich verboten, aber in tausend Andeutungen mißbilligt. (…)
(Zusammengestellt von Patrick Gurris)
11. März 2008
Kommentare
- The Cartoonist 12. März 2008
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Das ist ja geradezu gigantisch. Toll.
- Patrick 14. März 2008
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Mr. Cartoonist, ich mag Sie. Ich mag Sie sehr.
- G. Grumble 15. März 2008
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Als die „Brennpunkte“ der ARD noch Astronomy Domine als Titelmusik hatten…
- The Cartoonist 15. März 2008
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Für Herrn Patrick.
Ich habe mich heute mal wieder mit Knox getroffen. Knox ist Sänger und Gitarrist der uralten Punkgruppe The Vibrators und wohl schon an die hundert Jahre alt. Na gut, vielleicht nicht gerade hundert, aber mittemang in den sechzigern. Außerdem ist er ein guter Freund von mir. Wie auch immer; er erzählte mir heute folgendes:
“Ich habe kürzlich eine DVD gesehen, da waren alte Aufnahmen von den Floyd im UFO Club in der Tottenham Court drauf. Also, das muß so Mitte der 60er Jahre gewesen sein. Und ich war da! Ich kannte die Gigs alle! Ich habe mich sogar im Publikum wiedererkannt und sah vollkommen bescheuert aus. Aber die ersten Auftritte der Floyd waren grauenhaft, die konnten ja ihre Instrumente gar nicht richtig spielen. Erst nach der ersten LP wurden sie dann besser. Was wirklich sehr erstaunlich war – ich ging in diesen Club rein und hörte den Basslauf: ‘danng-danng-danng’, fragte, ‘Wer ist das?’ und man antwortete mir, es seien Pink Floyd. Absolut unglaublich, auf einmal dies zu hören, wo die vorher doch immer so schlecht waren.”
Zu Syd:
“Der hat ja die Akkordwechsel immer dann gemacht, wenn ein neues Wort im Text kam. Also nicht das 4-Bar System, sondern der hat das willkürlich nach dem Text gemacht. Absolut irre. John Ellis (Gitarrist auf der ersten Vibrators LP) konnte das auch, der spielt auch immer diese verrückten Rhythmen.”Leider konnte mir Knox nichts über den D-Akkord verraten, aber ich hoffe, diese Insider Informationen sind einen Anhang im Buch wert.
Stets zu ihren Diensten,
Lester Bangs
- Patrick 19. März 2008
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@ The Cartoonist
Vielen Dank, Lester, für diese einzigartigen Informationen. Ich denke Raoulff, dem ich sie weiterleiten werde, wird ihnen ein eigenständiges Buch widmen, falls er je in seinem Leben über den Band mit dem driten Akkord hinauskommt. Er ist ja nun nicht mehr der Jüngste.
- The Cartoonist 21. März 2008
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Ja, das mit den Akkorden kann zu einer sehr komplizierten Angelegenheit ausarten.
- Dirk 22. März 2008
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Here’s a chord,
here’s anothernow go out and write a book.
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