Detouring Deutschland

Etwa die Hälfte seiner kurzen Lebenszeit verbringt man in diesem tristen Land bekanntlich vor roten Ampeln, in Arzt- und Behördenwartezimmern, in Supermarktschlangen und Telefonwarteschleifen. Die meisten Menschen, die sich derartig vergeuden, fragen nicht, warum sie so viel und so oft warten müssen. Denn immerhin könnte es ja auch anders sein. Vielmehr ist es so, dass man, wenn man höflich auf Wartezeiten hinweist, bestenfalls bitterböse angeschaut wird.
Die Zeit, die die Menschen also in Warteschlangen und -schleifen verlieren, holen sie sich an anderer Stelle wieder zurück. Auch kann Lethargie in verschlagene Hellwachheit umschlagen. Zum Beispiel bei den Sonderangeboten der Kaufhäuser. Denn da es geht um eigenen Vorteil, um Schnäppchen und »Billig«. Zeit lässt sich z.B. sparen durch den Verzicht auf Kulturerzeugnisse, Körperhygiene, gutes Essen und vor allem durch Benutzung des Autos.
Hat schon mal jemand ein Land gesehen, in dem das Auto so einen Stellenwert hat wie in Deutschland? Ein Land, in dem Fußgänger wie gehetztes Wild über die Straßen rennen, wenn sich ein Kraftfahrzeug nähert. Man erkennt eben den Stärkeren an. Die rote Fußgängerampel – gefühltes Intervall: halbe Stunde – ist in Deutschland Anordnung, nicht Empfehlung. Deshalb bleiben die Menschen stehen, auch wenn gar keine Autos zu sehen sind.
Mobilität in Deutschland hat nichts Mythisches. Kein Blue Hotel, kein Mystery Train, kein Sweet Hitchhiker. Stattdessen Mehdorn, Bundeswehrbesuffskis und Baustellen. Vielleicht machen Bohren und der Club of Gore so etwas wie den Soundtrack zur deutschen Autobahn. Langsamkeit, in Umkehrung zur protestantischen Effizienz der allgegenwärtigen Raser. Potenzielle Gewaltverbrecher in Mordmaschinen. Kerle, die einen ohne zu zögern erschlagen würden, wenn dies nur blöderweise nicht verboten wäre.
Wir halten an »Rasthöfen«. Wir schalten die Musik aus, trinken eine Cola und essen Dinge, die wir sonst nie essen. Wir schauen uns um und sehen in Gesichter, die irgendwo hinwollen. Wir sehen »Cedric on Tour« und »Damen aufgepasst – meiner ist 20 Meter lang«. Dann steigen wir in unsere Fahrzeuge und fahren weiter. In Städte, die mühevoll ihre Trostlosigkeit hinter bunter Reklame verstecken.
Auf der Autobahn fahrend sehen wir Städte und Dörfer vorbeiziehen. »Historische Residenzstadt«. Baumärkte. »McDrive«. Baumärkte. »Dreieck Heumar«. Erdrückende Architektur. Hell erleuchtete, leere Zubringerstraßen führen durch die Nacht. Für einen Moment kann man hineinblicken in diese Orte, für ein paar Sekunden ist man »vor Ort« und erahnt die Tragödien hinter den Butzenscheiben verbauter Eigenheime. Und dann ist man froh, weiterfahren zu dürfen. Wenigstens für eine Weile.
Vor dem Haus steht ein Rettungswagen. Zwei Sanitäter geleiten den Nachbarn aus dem obersten Stock in das Fahrzeug. Er sieht erbärmlich aus, wankt. Passanten glotzen. Im Treppenhaus stinkt es wie in einer Schnapsbrennerei. In ein paar Wochen ist Weihnachten. Mir wird schlecht.
16. November 2004
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