Leistung zählt
Teenage Riots sind auch nicht mehr das, was sie mal waren
Der Geist von Bundesjugendspiel und Turnvater Jahn und ich werde schläfrig vom Sonnenschein und der monotonen Stimme, die via Lautsprecher Siegerehrungen bekanntgibt. »Hochsprung Mädchen M12, ich wiederhole.« In der Kampfbahn Rote Erde – für die Unwissenden: ehemals Spielort von Borussia Dortmund, direkt neben dem Westfalenstadion -, laufen ca. 6jährige, sehr dünne Kinder Langstreckenbestleistungen, unter den gestrengen Augen ihrer mindestens des Tennivater-Syndroms verdächtigen Trainer. Lange keinen Mittfünfziger im durchgängig weißen Kurz-Dress mehr gesehen. Mama sitzt derweil mit dem Fernglas auf der Tribüne. Papa ist im Bierrausch eingenickt. Die weißblonden Gebrüder Wurm räumen alles ab. Mal ehrlich, war das zu erwarten?
Drüben, in den Westfalenhallen, findet derweil der CDU-Parteitag statt. Auf dem Parkplätzen rund um die Hallen stehen Autobusse aus Stuttgart, Hildesheim oder Bad Oldeslohe. Auch aus Arnsberg zum Beispiel. Oder aus Jena. Einer gar aus Koblenz. Man könnte fast sagen, aus allen Ecken dieses herrlichen Landes.
Denn es geht hier und heute, das sage ich ganz deutlich, um nichts weniger als um die Zukunft Deutschlands. Mindestens. Wenigstens. Was ist das für ein Land, in dem junge Menschen wie ich? Ichneinwirsagendaher. Dennwirhaben. Wirmüssensolltendürfennicht.
Manche Dinge ändern sich nie. Zum Beispiel die Tatsache, dass in der Jungen Union sich die Hässlichen, Uncoolen, Ausgestoßenen, oder zumindest die Stinklangweiligen sammeln. Junge Männer, hauptsächlich, die zu den Unterwäscheseiten des Otto-Kataloges onanieren lernten, Rundschwanz-Guppies züchten und eine Konrad-Adenauer-Biographie neben der »Queen’s Greatest Hits«-CD stehen haben. Jungs, die in der elften Klasse mit ähnlich gearteten Jusos über Manteltarifverträge debattierten. Sie verteilen Flugblätter, sie kleiden sich in »Angie«-T-Shirts und sie sehen zu, wie als Landadelige gestylte Blondlöckchen sich um die zartbebluste Damenwelt der Parteinachwuchsorganisationen kümmern.
Der Rote Erde-Biergarten mit angeschlossener Würstchenbude. Grünspan auf den groben Holztischen. Mamas Liebste, beide Anfang 20, einer im zartrosa Hemd mit Krawatte, der andere mit blondem Stefan-Edberg-Gedächtnisscheitel, dynamisch die Hände in den Hosentaschen, überlegen feixend ob sie eine sog. »Bratwurst« goutieren sollen. Hier und jetzt, mit Schnäuzerprolls, ledrigen Radfahrer-Opas und echten Unterschichtfamilien in weissen Socken. Die beiden wollen den Kontakt zum Wahlvolk nicht verlieren und geben ein überraschend eindeutiges positives Votum ab. In den Bewegungen schon die kompletten Biographien eingestanzt. Der eine wird mal Unternehmensberater, der andere Staatssekretär im Justizministerium. Sie genießen sichtbar den fremdartigen Ort.
Es kommt dann noch zu unschönen Szenen: vor dem Haupteingang der Westfalenhalle plötzlich ein Trubel, ein Jubilieren. Eine Traube aus schwitzenden, rotgesichtigen, übergewichtigen Typen in schlechtsitzenden Business-Anzügen hält – grinsend bis selig lächend – die Digitalkameras empor. Ein Knieen, Umkreisen, Sprinten, Hüpfen, sie befinden sich im Reich der Sinne: die Kanzlerkandidatin im lachsfarbenen Sakko verlässt den »Goldsaal«. Das Erschreckende an der Szene ist, dass unter all diesen Menschen ausgerechnet Angela Merkel richtig gut aussieht, souverän wirkt und frisch wie ein Gebirgsbach im Frühling. Unter den Blinden ist die Einäugige undsoweiter.
Im NH-Hotel am Bahnhof hatte ich später dann endlich mal die Gelegenheit, Premium-Fäkal-Blogger und wahlblog.de-Korrespondenten Ix die Hand zu schütteln. Ein Blogger, wie er sein muss: leistungsbereit, wettbewerbsorientiert, Deutschland verpflichtet. Ich wünsche mir mehr von solchen Leuten in unserem Land. Danke für’s Bier übrigens.
29. August 2005
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