Ligne Claire

Resteverwertung

Premium Content am bisher wohl langweiligsten Sonntag meines Lebens

Das Dauergrinsen von Typen wie Kerner, Beckstein, Westerwelle, Stoiber, Schlauch und, allen voran, Peter Hahne. Dem geht natürlich am nächsten Sonntag um 18 Uhr erstmal so richtig einer ab.

Dass einen an der »Amerikanisierung« (Deppen Leer Zeichen, TV-Duell, »Oh mein Gott«-Sagen) ja gar nicht die Amerikanisierung stört – dieses Land kann sowas gebrauchen -, sondern die Strunzdummheit und Anspruchslosigkeit in der Einöde Deutschland, dem Land der Imitatoren, Fürdummverkäufer, Hosenscheißer und Über-Georg-Uecker-Lacher.

Ben Lee: der Adam Green für Leute, die ihren iBooks Namen geben.

Die Titanic finde ich, abgesehen von den Gsella-Gedichten, der »Humorkritik«, den »Briefen an die Leser« und dem einen oder anderen Cartoon, auch kaum noch lesenswert. Kaum zu glauben, dass die monatelang Witze über einen Schweißfleck machen. Und erst »Die Partei«. Am Zeitschriftenkiosk überhaupt kaum noch Sachen, die mich interessieren. Die haben dort sage und schreibe 7 verschiedene Heftchen, die sich mit nichts anderem als »Gothic« beschäftigen. Aber es gibt keine einzige gute Musikzeitung mehr. So eine, auf die man sich jeden Monat freuen würde.

Die Ecke in der Buchhandlung mit Fantasy, Horror und Science-Fiction: wer dort steht und schaut, liest keine anderen Bücher. Literatur von Freaks für Freaks. 15 Kubikmeter Stephen King. 800 Kilogramm Tolkien. 3 Meter hoch Perry Rhodan. Bastei-Lübbe und Heyne. Lems »Transfer« heißt jetzt »Rückkehr von den Sternen«. Das Horror-Regal enthält ausschließlich King, Rice und eine Handbreit Lovecraft. Letzterer geadelt durch Suhrkamp-Einheitscover. Bei Elb-Öhi Tolkien scheint mittlerweile die Sekundärliteratur zu überwiegen. Da gibt es jetzt auch richtig dicke Wörterbücher und sogar Grammatik-Schinken. Yog-Sothoth, schick Hirn!

Haltichen Kopp hin isser drin.

Auch ganz schlimm: diese ironischen Countrybands, deren Repertoire nur aus ganz ganz witzischen, hillbilly-sierten Coverversionen irgendwelcher Rock-Klassiker besteht. Musik für Leute, die über Georg Uecker lachen und »wasndas für’n Scheiß« sagen, wenn sie Hank Williams hören.

Die vielleicht überflüssigste Geldausgabe meines Lebens: im Affekt bzw. aus Neugier plus Sentimentalität am Bahnhofskiosk für 1,95 Euro eine 46-seitige Sonderausgabe der »Gespenster-Geschichten« namens »Dämonen-Ladys« gekauft. Jede Geschichte besteht aus drei bis fünf Seiten, auf denen sich Kreuzritter, Barbarenkrieger, Kapitäne und ähnliche Mannsbilder – alle Warnungen weiser alter Männer ausschlagend -, von sich am Ende als Echsenwesen und Tentakelmonster entpuppenden drallen Damen ins Verderben locken lassen. Einen Sommer lang, vielleicht war es der Windpockensommer, las ich diese Heftchen, und das hätte eigentlich die Grundsteinlegung für eine ordentliche Nerd-Karriere mit Heise-Forums-Account sein können. Immerhin habe ich es dann ja noch zum Webdesigner gebracht. Ich stelle mir einen routiniert-verbitterten 75-jährigen Sack vor, der im immergleichen Style seit 40 Jahren diesen moralinsauren Schund für Bastei-Lübbe zeichnet. Seltsam? Aber so steht es geschrieben.

Gene Clark

Leute, die ihr Auto nicht fahren, sondern »pilotieren«.

Leute, die in ihrem Blog den eigenen Geburtstag erwähnen.

Die Platte von Maplewood. Zwei wunderbare Songs zum Download.

Ligne Claire wird heute drei Jahre alt.

12. September 2005

Kommentarfunktion für diesen Artikel geschlossen

    

CC 2002-2008 Dirk Hesse
Powered by Textpattern