Ligne Claire

Als Deutscher auf Reisen

Teil 3: Die Rückkehr

Man kennt das: wenn man aus dem Ausland nach Deutschland zurückkehrt, ist man schockiert. Selbst dann schon, wenn man nur einige wenige Tage weg war. Die Grobheit der Menschen, die Agressivität, das ungeschlachte Benehmen. Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen, meine Wiederbegegnung mit Deutschland ausgerechnet in Mallorca erleben zu dürfen, beim Umsteigen auf dem Flughafen von Palma. Der Vorhölle. Und dann noch ein Flug nach Dortmund! Denn Leute, die von Mallorca nach Dortmund fliegen, sind genau so wie man sie sich vorstellt.

Die Wirklichkeit ist also noch viel schlimmer als die ewigen TV-Reportagen. Mittlerweile scheint es tatsächlich komplette Familien zu geben, die gemeinsame Saufurlaube verbringen. Vatta, Mutta, Sprößlinge – alle zusammen besoffen.

Fiese Gesichter. Mundwinkel zeigen nach unten. Nazifrisuren. Jede Frau unter 50 wird von oben bis unten begafft und dieses Menschenmaterial umgehend auf Fickbarkeit geprüft. Man raucht breitbeinig. »Immer VOLL dabei!!!« auf den T-Shirts. Schwarz-rot-gold. »Lüdenscheid on Tour 2004!« Typen, die Thorsten heissen und auch noch so aussehen. Goldene Kreuze um den Hals. Hemd bis zum Bauchnabel geöffnet. Schlechte Zähne und Wurstbrötchen. Und ewig ruft die Heimat.

Am Flughafen von Mallorca wünsche ich so sehr, ganz woanders zu sein. Oder auch: irgendwo anders hin, wo man diese Visagen nicht sehen muss. Nur nicht nach Hause.

Im Flugzeug überall Bier. Man darf offenbar noch immer rauchen. Glück gehabt, feine Menschen auf den Sitzen neben mir. Die sind nett, ein bisschen Unterhaltung. Das nächtliche Europa von oben ist schön. Wolkenloser Himmel. Marseille, Zürich, Köln schimmern. Ringsherum alles schwarz. Das Ruhrgebiet, so riesig. Lichter bis zum Horizont. Die meisten Passagiere sind glücklicherweise längst eingepennt. Nur der Frauenkegeloderirgendwasclub nicht. Klatschen immer noch beim Landen.

Es kommt dann noch schlimmer. Am Bahnhof lungern Rotten von Schnauzbärten in Röhrenjeans herum, Kassettenrekorderschlager und das Gegröhle der Typen dröhnen durch die Halle. Jeder Obdachlose wird sofort vertrieben, wenn er nur einen Fußnagel ins Bahnhofsgebäude hält, dieses Pack bleibt unbehelligt.

Am nächsten Tag dann feststellen müssen, dass die ganze Stadt voll von Anhängern der »Böhsen Onkelz« ist, da diese zwei Tage lang die Westfalenhalle ausverkaufen. Überall schwarze T-Shirts mit dämlich-pathetischen Aufdrucken. Geben sich als verschworene Gemeinschaft. GTI-Prolls, die natürlich keine Nazis sind. Aber das »mit den Ausländern und Sozialschmarotzern« finden sie »einfach nicht in Ordnung«. Eben ganz normale Deutsche.

Mit Grauen denke ich an die bevorstehenden Jahreszeiten.

Der erste Teil von »Als Deutscher auf Reisen« ist hier zu finden, der zweite Teil harrt momentan noch zwischen Ouzo und Moussaka in Münster der Fertigstellung.

4. Oktober 2004

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