Ligne Claire

Us & Them

»Der Bürgermeister von Melilla, Juan José Imbroda, sagte in einem Rundfunkinterview, die Verstärkung der spanischen Grenzposten sei nicht die Lösung des Problems. Notwendig sei eine bessere Zusammenarbeit und Koordination mit Marokko. ›Die Lösung muss von der anderen Seite der Grenze kommen.‹«

Aha, das ist also die »Lösung«, Marokkos Regierung dafür bezahlen, sich um die Immigranten zu »kümmern«. Europas Sicherheitsexperten zücken das Scheckbuch. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Die allerärmsten Schweine. Wie sehr verzweifelt muss man sein, um anderthalb Jahre zu warten, in einem vermüllten Waldstück zu sitzen, nur die Kleidung am Leib als Besitz, und auf die Gelegenheit zu hoffen, auf den einen Moment, endlich über einen meterhohen Zaun mit messerscharfem Nato-Stacheldraht nach Europa klettern zu können? Sich in einer Nussschale aufs offene Meer zu wagen? Hochschwanger, damit das Kind in Spanien zur Welt kommen und dort bleiben kann? Von den Kubanern in den LKW-Reifen sagen sie, sie schwämmen in die Freiheit, Afrikaner nennt man »Wirtschaftsflüchtlinge«. Und wie sich in der Benutzung dieses widerlichen Begriffes das Eingestehen der Verhältnisse offenbart.

Letztes Jahr in Ceuta; die Flüchtlinge, die auf dem kleinen Spielplatz herumlungern. Die gesicherte Grenze, fast wie damals in der DDR. Als Europäer von den Grenzbeamten wie ein Herrenmensch behandelt zu werden, aus der Warteschlange mit den marokkanischen Pendlern herausgeholt. Wie sauber Ceuta ist, wie dreckig Marokko.

Die geklonten CNN-Visagen, ohne die in dieser Welt scheinbar keine Seriösität spielende Nachrichtenshow mehr auskommt, auch hier unten im spanischen TV, mit den Laptops auf dem Tisch und der professionellen Betroffenheit in den Moderatorengesichtern (wenigstens keine Sondersendungen mit »Experten«) Sagen, dass die spanische Regierung Soldaten in ihre Exklaven schicken will. Auch solche Pazifisten wie Schröder.

Und wie sie bei Spiegel Online wieder eine Sau durchs Dorf treiben. Afrikaner wie Bimbos nur beim Vornamen nennen. Irgendwo zwischen Merkelschröderhiltonzwiebelfisch. Morgen schon vergessen. Diese Szene in »Hotel Ruanda«, als der UN-Offizier zum ruandischen Hotelmanager sagt: »Niemand interessiert sich für euch. Denn ihr seid noch nicht mal Nigger.«

Deutschlands Glaube, seinen angestammten Platz in irgendeiner »Weltspitze« zu haben, »wir müssen endlich wieder dahinkommen« und so weiter, und das völlig ernstgemeinte Unverständnis, dass ja nun schon Griechenland oder sonstwer besser bei irgendeinem »Pisa«-Schwachsinn abschneide. Niemals in Frage zu stellen, dass Afrika nicht qua Naturgesetz bitterarm ist. Die Welt über Benzinpreise jammernder Mercedes-Fahrer endet am Gartenzaun, an den Grenzen Deutschlands, in Ceuta oder in Melilla oder am Bosporus. Der absurde Glaube an ewiges »Wachstum« und dass es im Kapitalismus doch allen gut gehen könnte. Bis dieser Zustand vom Himmel fällt und rosa Elefanten am Nordpol grasen, spendet Deutschland emsig.

Hier unten in Sevilla all die »Schwarzafrikaner«, die »Negritos«, die an den Straßenkreuzungen Zehnerpacks mit Taschentüchern an wartende Autofahrer zu verkaufen versuchen. Dieses Bild, wie die Leute in ihren klimatisierten Fahrzeugen sitzen, hinter den getönten Scheiben, und stur geradeaus schauen, wenn eine von diesen Gestalten ans Fenster kommt. Und am Sonntag gehen sie dann mit ihren mit Matrosenanzügen und Spangenschuhen herausgeputzten Kindern in ihre prächtigen Kirchen und beten ihre Virgen und ihren Jesusito an. »Unser täglich Brot gib uns heute.« Wieviel verdient man mit dem Verkauf von Papiertaschentüchern; die Gerüchte, der Vereinspräsident von Real Betis habe seine Finger in diesem Geschäft; neulich das allererste Mal gesehen, dass überhaupt mal ein Autofahrer was gekauft hat. Papiertaschentuchverkäufer, die in ihrer Heimat vielleicht jahrelang studiert haben. Die Brutalität, diese »Illegalen« auch hier in Europa weiter auszubeuten. Und dass diese darüber auch noch froh sind. Weil es ihnen immerhin besser geht als vorher. Sie haben es geschafft.

3. Oktober 2005

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